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Schroff und surreal: Tauchen im Bergwerk Nuttlar im Hochsauerland


Es ist, als würde der dunkle Schlund des Bergwerks mit seinem eisigen Atem nach uns greifen. Schon bevor wir den eisernen Eingang in den Schacht betreten, haucht uns die Kälte entgegen. Gänsehaut. Ein Vorgeschmack auf das nur vier Grad kalte Wasser im Schieferbergwerk Nuttlar, in dem wir tauchen wollen.

Eine gewisse Grundnervosität macht sich breit in der Tauchgruppe, weil niemand so genau weiß, was einen erwartet, wenn man in einem Bergwerk taucht. Kälte, so viel ist vorher schon klar. Und Dunkelheit, das liegt in der Natur der Sache. Hier wird nicht einmal wie bei einem Nachttauchgang das Restlicht des Mondes oder irgendeiner Küstenbeleuchtung in der Ferne funzeln.

Die Dunkelheit macht sich schon breit, als wir den Container, der in den Schlund des Bergwerks führt, betreten. Dann geht es hinein in den Schacht und es wird noch kälter, noch dunkler. Wer keine festen Schuhe anhat oder im T-Shirt in den Schacht geht – draußen ist schließlich Sommer – fängt ohne Umschweife an zu frieren. Nicht gerade das, was man möchte, wenn man einen eisigen Tauchgang vor sich hat.

Heimelig geht anders

Es ist kalt, dunkel und es ist auch eine ziemlich schroffe Angelegenheit, das Bergwerktauchen. Massiver Stein um uns herum, es tröpfelt und ist glitschig, ein Metallgitter bildet die Einstiegsplattform. Heimelig geht anders. Der erste Eindruck vom Bergwerk kann abschreckend wirken. Eine Taucherin – eine der wenigen Frauen an diesem Tag – sagt den Tauchgang beim Briefing ab. Nachvollziehbar, auch wenn alle anderen das jetzt durchziehen wollen. Ich bin rund 500 Kilometer weit gefahren, um mir das anzutun, ich werde jetzt nicht kneifen.

Dabei sind wir nur zum Schnuppertauchen hier. Werden nur einen Bruchteil des Bergwerks sehen können, weil uns die Ausbildung fehlt, um weiter hinein zu tauchen. Wer alles sehen möchte, muss so trainiert sein, wie es kein durchschnittlicher Sporttaucher ist. Wer hier alles sieht, schmunzelt vermutlich darüber, dass wir vor dem Schnuppertauchen alle ein kleines bisschen nervös sind.

Über Schienen zum kleinen See

Wir tauchen zunächst von der Plattform vorsichtig ab. Bloß kein Sediment aufwirbeln, das verübelt den anderen Tauchern die Sicht und man macht sich damit definitiv unbeliebt. Über Schienen, auf denen früher Loren gefahren sind, geht es durch den Schacht nach links in einen kleinen, nur ein bis zwei Meter tiefen See. Hier könnte man jederzeit auftauchen. Doch es ist so dunkel, dass man sich der offenen Oberfläche kaum bewusst ist.

Das Wasser ist buchstäblich glasklar. Nirgends sonst habe ich so klares Wasser gesehen, nicht einmal im Grünen See oder Samaranger See. Auf dem Boden liegen Kabel und Teile von Steckdosen. Die Wände sind aus grobem Stein gestapelt, die Tauchlampen lassen alles in einem grau-blauen Licht erscheinen. Alles sieht kalt und rau aus. Und wunderschön! „Ich tauche in einem Bergwerk“, denke ich und es ist sogar noch in dem Moment, in dem ich es tue, irgendwie surreal. Ich habe ein gutes halbes Jahr auf diesen Termin gewartet und kann es trotzdem noch nicht so richtig fassen.

Als würde morgen jemand kommen und arbeiten

Ich habe Glück und bin die erste Schnuppertaucherin, die mit dem Guide noch etwas tiefer in den Schacht tauchen darf. Es geht noch ein paar Meter abwärts, vorbei an einer Schubkarre. Sie steht dort, als würde morgen jemand kommen und mit ihr Sachen ins Bergwerk transportieren. Das ist im ganzen Bergwerk so: Die Gerätschaften wurden einfach verlassen, tief in den Schächten steht ein Überkopflader, in einer Pausenbude hängen noch die Jacken der Bergarbeiter an den Haken. So weit können wir leider nicht in die Schächte hinabtauchen, schon nach wenigen Metern den Bremsberg hinein ist für uns Schluss. Aus den Decken ragen Eisenstangen, an der Wand führen Kabel ins schwarze Nichts. Würden die Lampen ausfallen, ich würde mich verheddern.

Links hängt ein Fledermauskasten an der Wand. Die Fledermäuse sind schon lange weg. Über uns ist Decke und es bollert gewaltig. Wir wurden vorgewarnt, es höre sich an, als würde das ganze Bergwerk über uns zusammenstürzen, wenn unsere Luftblasen sich einen Weg durch das Gestein suchen. Und genauso ist es. Es bollert, als lebte das Bergwerk selbst.

Ab hier nur noch Höhlentaucher

Ein kurzer Blick hinab in einen Gang, dessen Decke viel tiefer hängt als in dem Bereich, in dem wir uns gerade aufhalten. Loren stehen auf den Gleisen. Hier ist Schluss, hier dürften nur erfahrene Höhlentaucher durch. „Haben die es gut“, denke ich. Ich möchte auch dort hinein, aber natürlich gibt es da nichts zu diskutieren. Ich würde vielleicht nie wieder zurück kommen.

Ich drehe noch zwei Runden durch den See. Obwohl der Tauchgang ein tolles, sehenswertes Erlebnis war, bin ich ein wenig enttäuscht. Ich habe gedacht, man würde beim Schnuppertauchen noch mehr sehen können von dem Bergwerk. Allerdings trübt diese Enttäuschung nicht das ganze Erlebnis. Bergwerktauchen ist mit nichts zu vergleichen, was ich bis dahin gemacht habe und ich kann nicht leugnen, dass ich Lust auf mehr hätte. Schon immer fand ich Höhlentauchen faszinierend.

Wer ebenfalls neugierig ist und es einmal ausprobieren möchte, sollte sich das Bergwerk-Schnuppertauchen einmal antun. Hier bekommt man bei Bedarf nämlich auch viele nützliche Tipps von erfahrenen Höhlentauchern, was Ausbildung und Verbände angeht.


Alle Fotos von Björn Dorstewitz / uwpics-bjoern.de

Hinweis: Die Fotos und das Video zeigen Bereiche des Bergwerks, die beim Schnuppertauchen nicht erreicht werden können.

Mehr Informationen zum Bergwerktauchen

Das Tauchen im Schieferbergwerk Nuttlar im Hochsauerland wird organisiert von der Tauchschule Sorpesee und es lässt sich wunderbar kombinieren mit einem Tauchtag am See (hier mein Bericht über den Sorpesee). Das Tauchen hier ist erst seit Mitte 2013 möglich.

Informationen über Voraussetzungen, Preise, das Schnuppertauchen, Ausbildung und Cavern Tauchen im Bergwerk gibt es unter bergwerktauchen.de.

Unser Gastautor Christoph Arndt hat für dekopause einen Beitrag über das Tauchen im Bergwerk Kleinenbremen in Porta Westfalica geschrieben, der in diesem Zusammenhang vielleicht auch interessiert.