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Gelassene Genießer – Interview mit Dr. Ulrich van Laak zum Tauchen im Alter


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Ist Tauchen ein Sport für Ältere? Wo ist die Grenze zwischen Fitness, körperlichen Zipperlein und Unvernunft? Wie kann man im Alter sicher tauchen? Und welche Rolle spielen Medikamente dabei? Dr. Ulrich van Laak, medizinischer Direktor bei DAN Europe für Deutschland und Österreich, teilt im Interview sein Wissen und gibt viele nützliche Tipps.

Sonja Kaute: Meinem Gefühl nach wird die Tauchbranche immer älter. Kann man das so sagen?

Dr. Ulrich van Laak: Ja, das passt und könnte man so sagen, zumindest bezogen auf die nachhaltige Tauchbranche. Wir haben ja eine recht hohe Drop-Out-Rate im Tauchsport: 40 Prozent derjenigen, die mit dem Tauchen anfangen, bleiben nicht dabei. Frauen steigen häufig dann aus, wenn sie Kinder kriegen, Männer tendenziell mit höherem Alter und dann aufgrund von ersten Altersbeschwerden. Da von den Einsteigern rund zwei Drittel Männer sind und ein Drittel Frauen, haben wir es mit einer Population von sehr erfahrenen Älteren, meist männlichen Tauchern zu tun. Und dann kommen als Späteinsteiger noch zum Beispiel Kreuzfahrer hinzu, die auf einem Schiff spontan einen Tauchkurs machen.

Wie alt ist denn durchschnittlich der deutsche Taucher? Gibt es da eine Zahl zu?

Ja, es gibt ein paar Grafiken dazu, im Forschungsbericht „Tauchen in Zukunft“ im Auftrag des Tauchsport-Industrieverbandes. Ich mag die Grafiken allerdings nicht, denn sie verzerren das Bild. Viele der jungen Taucher steigen wie gesagt wieder aus dem Sport aus. Daher müssen wir auf den zweiten Altersgipfel gucken. Damit meine ich die Taucher zwischen 50 und 60 Jahren und auch die „Ausreißer“, die beispielsweise bis zu einem Alter von 80 Jahren tauchen gehen.

Warum fangen ältere Menschen denn mit dem Tauchen an?

Ich denke, einfach, weil sie es noch nie gemacht haben. Wer zum Beispiel auf einer Kreuzfahrt mit dem Tauchen beginnt, spielt vielleicht schon lange Golf, ist Rad gefahren und solche Dinge. Dann sieht er auf dem Schiff eine attraktive Tauchlehrerin und denkt sich „Warum nicht?“ (lacht). Die Tauchgebiete, die solche Schiffe anfahren, sind „nice und easy“, das Wasser ist warm, das Tauchen oberflächennah, unter Wasser quirlt das Leben. Ich weiß nicht, ob viele von diesen Tauchern dauerhaft dabei bleiben, aber das Fluchtverhalten setzt ja meist ein, wenn es um die Nord- und Ostsee oder die Binnengewässer geht.

Dr. Ulrich van Laak, Foto: privat Dr. Ulrich van Laak, Foto: privat
Tauchen Senioren also anders als jüngere Taucher?

Ja. Der ältere Taucher geht als Genießer ins Wasser: Das Tauchen soll Spaß machen, man möchte schöne Fotos mitbringen und das Tauchen ist mit einer hohen Sicherheit verbunden. Man könnte das Wort Gelassenheit als Überschrift für das Tauchen der Älteren verwenden. Sie wollen das Tauchen möglichst intensiv auskosten und insgesamt davon profitieren. Ältere tauchen oft vorsichtiger. Wenn sie schon länger dabei sind, haben sie einen großen Erfahrungsschatz und haben vielleicht gelernt, mit ihren körperlichen Einschränkungen umzugehen. Sie tauchen sozusagen um diese drum herum.

Was ist denn bei der medizinischen Vorsorge zu beachten, wenn man zu den älteren Tauchern gehört?

Nicht jeder ältere Taucher macht regelmäßig eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung, aber das sollten sie unbedingt. Das unterstreiche ich ganz dick. Ältere sind aber oft vernünftig: Wenn sie in eine Lage kommen, wo sie an ihre Grenzen geraten, hören sie auf. Man muss sich trotzdem bewusst sein: Alles, was medizinisch passieren kann, kann auch unter Wasser passieren, zum Beispiel Herzrhythmusstörungen. Und je älter ein Taucher ist, desto eher kann ein medizinisches Ereignis im Wasser passieren. Auch, wenn taucherisch alles in Ordnung ist. Das kommt allerdings sehr selten vor. Wir bei DAN Europe wissen, dass es keine Häufung von Unfällen mit Älteren gibt – außer, es handelt sich um Hasardeure.

Hasardeure?

Es gibt zum Beispiel ältere Taucher, die müssen generell häufiger aufs Klo. Und sie wollen nicht in ihren Anzug pinkeln. Also hören sie schon einen oder zwei Tage vor dem Tauchen auf, genug zu trinken. Und kommen dadurch in lebensgefährliche Körperzustände. Das passiert wirklich! Sowas macht aber natürlich nicht der verantwortungsbewusste Ältere, sondern derjenige, der es ohnehin immer besser weiß oder der Grenzbereiche austestet. Und Hasardeure gibt es natürlich in allen Altersgruppen. Nur schlagen die Konsequenzen bei Älteren mehr rein.

Und worauf sollten ältere Taucher noch speziell achten?
  1. Körperliche Fitness, sprich: Kraft und Ausdauer. Tauchen ist zwar meist ‚nice und easy‘, aber manchmal ist es das ganz plötzlich nicht mehr. Dann werden körperliche Leistungsreserven benötigt, um nicht schlapp zu machen. Im Alter verändert sich zum Beispiel die Lungenfunktion. Die muss man daher prüfen, das ist ganz, ganz wichtig. Man sollte beim EKG und beim Lungenfunktionstest schon ab einem Alter von 40 Jahren genau hingucken.
  2. Ältere haben außerdem eine längere Reaktionszeit und ein verändertes Kälteempfinden. Das Kälteproblem kriegt man nur durch perfekte Klamotten gelöst, also haben das meist nur die Hardcore-Taucher im Griff. Wenn man die Ausrüstung mietet, passen die Klamotten nur so ungefähr. Dann sind vor allem Kopf, Nacken und Hände von der Kälte betroffen. Ein Nasstauchanzug in höherem Alter bei kaltem Wasser ist daher nicht empfehlenswert. Die Kälte ist vielleicht das größte Problem überhaupt im Alter.
  3. Man sollte auch genau gucken auf Krankheiten wie Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck und Krankheiten der Atemwege. Schauen wir einmal genauer auf die Pumpe, das Herz. Steigt man ins Wasser, befördert der Wasserdruck auf die Beine rund einen Liter Blut vom unteren Körper in den Brustkorb – und zwar schlagartig. Das Herz hat also ganz plötzlich einen ganzen Liter Blut mehr zu pumpen. Dazu kommt die Kälte: Das Herz muss wegen verengter Gefäße gegen mehr Widerstand anpumpen als gewöhnlich. Wenn ein älterer Taucher zu Herzrhythmusstörungen neigt, besteht hier schon eine Grundgefahr, wenn das Herz mit einer schlagartig veränderten Leistung schlagen soll. Einfluss auf den Herzrhythmus hat im Übrigen auch der Tauchreflex, der ja in kaltem Wasser besonders ausgeprägt sein kann. Deshalb rate ich älteren Tauchern immer wieder: möglichst nie ins Wasser springen, sondern langsam hinein gehen und möglichst nicht frieren!
Welche Rolle spielen denn Medikamente bei älteren Tauchern?

Das ist ein riesen Kapitel. Je älter der Mensch, desto mehr muss er einnehmen. Manche Medikamente sind ganz ohne Einfluss, bei manchen können Nebenwirkungen auftreten und manche schränken zum Beispiel gezielt die Reaktionsfähigkeit ein und schließen das Tauchen aus. Das mit den Medikamenten ist ein riesen Problem. Und es gibt natürlich individuelle Unterschiede in der Reaktion auf Medikamente und ihre Nebenwirkungen. Und die Entscheidung ist da medizinisch nicht immer ganz einfach: Wenn Antidepressiva gegen die Depression helfen, das Therapieziel also erreicht ist, ist derjenige dann tauchtauglich? Oder leidet er unter einschränkenden Nebenwirkungen? Und sind diese gefährlicher als ein depressiver Taucher? Die Beantwortung ist nicht einfach, insbesondere im Alter.

anirav/istockphoto.com (Senior) anirav/istockphoto.com
Ich habe von einem „magischen Ausstiegsalter“ gelesen, das bei einem Alter von 50 Jahren liegen soll. Ist da was dran?

Ja, da ist was dran. Das ist die Zeit, in der die ersten Zipperlein kommen. Das Geräume wird anstrengender, das Frieren vielleicht stärker, die Zeit zwischen den Tauchgängen kälter. Entweder mag man das Tauchen trotzdem oder eben nicht. Viele Männer steigen in diesem Alter aus, die Frauen wie schon gesagt schon früher, wegen der Kinder. Übrig bleiben dann die ‚Hardcores‘. Die machen bewusst weiter, aber oft mit einer anderen Grundmotivation. Da zählt oft das Auge, Auge, Auge: Man will schöne Fotos machen, möglichst viele schöne Ziele sehen und nicht mehr durch dunkle, kalte Gewässer dümpeln.

Stellen sich Tauchbasen und Verbände eigentlich auf Senioren als Zielgruppe ein?

Ich denke schon, bin dafür aber kein Fachmann. Die Älteren sind ja häufig Stammgäste, Wiederholungstäter. Sie haben erstens die Zeit und zweitens das Geld für Tauchurlaube. Und sie genießen es, wenn sie als Stammgäste wahrgenommen werden. Und es gibt seit Kurzem ja Kurse mit Bezeichnungen wie „55+“, extra für ältere Taucher. Einige Verbände haben diese Kurse brandneu gestartet, nach der Präsentation „Taucher 55+“ auf der Boot 2015 in Düsseldorf.

Ich stelle es mir schwierig vor, zu entscheiden, ob das Tauchen im Alter sinnvoll ist: Wie lange ist ein Taucher fit genug, ab wann wird es unvernünftig? Vor allem, wenn man an Notfallsituationen denkt. Wie sollte man damit umgehen?

Tauchen ist nicht gleich tauchen. Man kann sich als älterer Taucher ja zum Beispiel Ziele aussuchen, die optimiert sind auf die eigenen Fähigkeiten. So wie es etwa ein älterer Bergwanderer auch tun würde. Wie fast nirgendwo sonst zählt beim Tauchen das biologische, nicht das kalendarische Alter. Hier ein paar Tipps von mir:

  • Sicherheitsspielraum vergrößern, indem man zum Beispiel mit Nitrox taucht, Wiederholungstauchgänge reduziert, noch langsamer auftaucht als früher, noch mehr auf Sicherheitsstopps achtet und generell kürzer und flacher taucht.
  • Leistungstoleranz erhalten. Hier kann der Taucher selbst mithelfen, indem er Kraft und Ausdauer auch im Alter trainiert.
  • Austrocknung vermeiden, also immer genug trinken. Die Goldene Regel dazu: Niemand sollte mit klebriger Zunge tauchen gehen. Dann besteht nämlich bereits Flüssigkeitsmangel.
  • Entspannt tauchen, also psychischen und körperlichen Stress vermeiden. Indem man seine Tauchziele den eigenen Möglichkeiten anpasst und zum Beispiel nicht mit jeder Tauchgruppe in jedes Wrack taucht. Und indem man für den passenden Kälteschutz sorgt und nicht einfach ins Wasser springt, sondern langsam hinein geht.
  • Gruppenzwang vermeiden, denn dieser ist eine der Haupt-Todsünden beim Tauchen. Gruppenzwang ist häufig Auslöser für Ereignisse vor einer Panik. Man sollte nicht etwas tun, das man eigentlich gar nicht will.

Damit ist man schon ganz sicher unterwegs, vermutlich sogar sicherer als ein leichtsinniger 25-jähriger Draufgänger.

Herzlichen Dank für dieses informative Interview!

Mehr Informationen zu Tauchen im Alter und Tauchsicherheit

Lesetipps:

DAN Europe: Flyer (PDF) zur Sicherheitskampagne Ältere Taucher. Diesen Flyer können Tauchschulen gedruckt kostenlos bei DAN Europe bestellen.

Bonner Tauchersymposium: Tauchen im Alter – Wo ist die Altersgrenze? (PDF-Link, 3 Seiten)

Forschungsbericht „Tauchen in Zukunft“ im Auftrag des Tauchsport-Industrieverbandes (PDF-Link, 47 Seiten)

Beitrag auf Boot.de: „Best ager“ – Tauchen ist auch im besten Alter noch möglich

Aquanaut: Neue Zahlen des Tauchsportverbands NRW – Nachwuchsproblem im Tauchsport

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